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15.06.10

Wer selber bläst, ist länger laut  -  00:14:33
Etwas erstaunt erfuhr ich in der Tagesschau, der ich nebenbei mit einem Ohr lauschte, dass Uwe Seeler offenbar die WM in Südafrika stört. Jogi Löw musste sich sogar wegen besagtem Uwe Seeler eine neue Zeichensprache ausdenken, um mit seinen Spielern zu kommunizieren. Es wäre ja nicht der erste Sportler, der im Alter meint, er habe das Spiel erfunden, das er vor 60 Jahren mal eine Weile gespielt hatte, und den Jungen dumme Ratschläge erteilt. Also tat ich die Meldungen als belanglosen WM-Klatsch ab, bis die ersten Leute sich offenbar schon mit Orapax gegen Uwe Seeler schützen mussten.
Glücklicherweise nahm sich zu diesem Zeitpunkt ein Sprecher die Zeit, den Namen 'Vuvuzuela' langsam auszusprechen und ein Bild des anstössigen Objekts zu zeigen. Offenbar handelt es sich bei diesem Gerät um eine neue, äusserst innovative Erfindung aus Afrika, die in meiner Kindheit (und in der Kindheit meiner Eltern, Grosseltern und deren Vorfahren) als Tröte bekannt war. Der Fortschritt kennt offenbar überhaupt keine Grenzen. - nicht mal in die Vergangenheit. Das Innovative an der Vuvuzela-Tröte scheint nun aber zu sein, dass man sie nicht wie die Fussball-Tröten hierzulande mit Druckluft-Flaschen und kleinen Blasebälgen zum Tröten bringt, sondern mit dem Mund reinbläst. Mag dies auch auf den ersten Blick nicht wie eine grossartige Neuerung erscheinen, so hat sie doch gewaltige Vorteile gegenüber den hier üblichen Tröten: Man kann deutlich lauter tröten als mit einem Handblasebalg und der Druckluftcontainer, der sich im Brustkorb der nimmermüden Tröter befindet, kann beliebig oft während des Spiels nachgefüllt werden. Das Resultat der gleichmässigen Verteilung dieser pausenlos trötbaren Uwe Seeler-Tröten unter die zigtausend Zuschauer eines nervenaufreibenden Fussball-Geplänkels kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen: Es lautet TRÖÖÖ[man denke sich 90Minuten lang ein 'Ö']ÖÖÖT.

So unangenehm und ungewohnt dieser südafrikanische Tinnitus auch sein mag, er hat doch seine Vorteile. Der erste Vorteil ist insbesondere im Vergleich mit den hier üblichen Fussball-Geräuschen zu finden: Er erstickt jeden Versuch, in ein infantiles, dümmliches Fussballlied auszubrechen, im Keim. Kein 'Geh doch nach Hause du alte Scheisse!', kein 'Zieht den Bayern die Lederhosen aus!' und kein 'Wär ned gumped isch kai Baasler!'. Es ist eine neutrale, angenehm dröhnende Geräuschkulisse, die selbst der betrunkenste Fan noch mitgestalten kann und selbst den nüchternsten Fan nicht dazu bringt, vor lauter Fremdscham in die nächste Tischkante zu beissen.
Der zweite positive Punkt an dem Vuvuzuela-Trubel ist die Erkenntnis, dass es auf dieser Welt doch noch kulturelle Unterschiede gibt und sich nicht alle dem westlichen Ideal anpassen wollen. Die chinesischen Olympia-Funktionäre haben ihren handverlesenen Publikums-Komparsen noch Nachhilfeunterricht im westlichen Applaudieren verordnet, weil sie in ihren Stadien eine korrekte Olympia-Geräuschkulisse wollten, die gefällt. Diese falsche Scham vor der eigenen Publikums-Kultur fehlt den afrikanischen Fussballfans glücklicherweise, wodurch sie uns geräuschstark zeigen, wie man in Afrika anfeuern und sich freuen kann. Auch wenn die Mannschaften aller Länder das gleiche, simple Pausenhofspielchen vor einem Millionenpublikum spielen und dabei die gleichen Kleider tragen, die gleichen Spielzüge und die gleiche Taktik verwenden, beruhigt es doch, dass wenigstens das Publikum nicht überall gleich ist. Jedes Tröten eines Uwe Seeler ist damit ein Befreiungsschlag für die Individualität und eine willkommene Weigerung in das sonstwo übliche Deppengegröle auszubrechen.

So lässt sich dem Tuten und Blasen in den Stadien doch noch etwas Gutes abgewinnen, und die Spieler können das Kinderspiel, das sie schon seit jener Zeit üben, als sie noch nicht lächerlich aussahen, wenn sie in kurzen Hosen einem Schweinslederball nachhüpften, taubstumm spielen. Zur Abwechslung mal, ohne die nervigen Zwischenrufe ihres angesäuerten Trainers zu hören.

02.12.09

Pay no attention to that Advertiser behind the curtain!  -  23:08:33
Trotz des unvorhersehbaren, unfassbar skandalösen und absolut unverständlichen Umstandes, dass die unterlegene Minderheit einer Abstimmung sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätte, gibt es in der Schweiz noch immer die eine oder andere Banalität über die man schmunzeln oder herzhaft lachen kann.
So amüsierte ich mich heute Früh köstlich über eine Anzeige in 20Minuten während um mich herum Pendler kopfschüttelnd die In- und Auslandsberichterstattung lasen. Auf einer halben Seite machte dort eine Billag-Versicherung Werbung für sich; ein Verein, der für einen einmaligen Mitgliederbeitrag von Fr. 500.- seine Mitglieder insofern versichert, als dass er ihnen die Billag-Bussen für nicht bezahlte Rundfunkgebühren bezahlt. Pünktlich zum Jahresende, an dem wieder eine Gebührenrechnung ins Haus flattern wird, lernte ich aus dieser als Artikel aufgemachten Werbung, dass sich in dem Verein vom Maurer bis zum Banker alle möglichen Leute (vor allem junge Männer) zusammenfinden und dies eine hervorragende, symbolisch wertvolle Alternative zum schnöden Gebührenzahlen ist. Sogar ein Testimonial eines Mitglieds war in der Anzeige zu lesen, welches das Angebot lobt und das Zahlen von TV-Gebühren als "völlig unsinnig" bezeichnet.
Während ich mich fragte, wie lange es wohl dauern würde, bis die freundlichen Herren der Billag das Mitgliederverzeichnis des Vereins einklagen und die Tiefen der Vereinskasse ausloten, wurde ich vom Schlussatz der Werbeanzeige beruhigt: "So lange der Anti-Billag-Verein seine Mitglieder nicht aktiv zur Gesetzesverletzung aufforere - etwa mittels Werbung - könne der Verein auch nicht haftbar gemacht werden." Es besteht also noch Hoffnung, dass das Bundesamt für Kommunikation die halbseitige Anzeige nicht findet oder schlicht nicht viel genug von Medien versteht, um sie als solche zu erkennen. Ich wünsche dem Verein auf diesem Weg viel Glück, schlage aber dennoch eine Erhöhung des Mitgliederbeitrages auf Fr. 5'000.- vor. Damit sind wenigstens die Bussen der Mitglieder, wenn auch noch nicht die Anwaltskosten gedeckt.

27.11.09

Hustest du noch oder grunzt du schon?  -  10:10:00
Nachdem gestern Mittag der neue, sehnlich erwartete Grippebericht des Bundesamtes für Gesundheit erschienen ist, haben die Zeitungen und Internetportale Grund zum Feiern. Kaum jemand hätte noch daran geglaubt, als die Fälle im September rückläufig waren, aber nun ist es doch noch wahr geworden: Man kann endlich über eine tödliche Epidemie berichten! Letzte Woche sind tatsächlich drei Menschen in der Schweiz nach einer Grippeerkrankung gestorben und rechtfertigen damit die Panikorientierte Berichterstattung seit April. Oder etwa nicht?

"Sie Zahlen zur Schweinegrippe", so berichtet 20Minuten stolz, "sind erschreckend". Und so sehen sie aus: 60 von 100'000 Schweizern haben die Schweinegrippe bereits überstanden, 35 von 100'000 Schweizern liegen im Moment mit ihr im Bett. Die Anzahl von hospitalisierten Fällen ist rückläufig: nachdem letzte Woche noch 29 Leute mit H1N1 in schweizer Spitälern lagen, sind es diese Woche nur noch 23. Damit ist dies eine der milderen Grippewellen der letzten Jahre, obschon der Epidemiegrenzwert bereits vor 4 Wochen überschritten wurde. Bedenkt man, dass in der Schweiz jedes Jahr ca. 300'000 Menschen an Grippe erkranken und 400-1000 daran sterben, kann man verstehen, warum die aktuellen Zahlen 20Minuten derart erschrecken: Die ganzen, schönen Weltuntergangsartikel, die seit August auf Veröffentlichung warten, müssen wohl in den Papierkorb wandern.

Wer etwas für die armen, erschreckten Medien tun will, kann jetzt aber helfen: Spendet eure Panik! Geht an belebte Plätze und haltet nach den armen Journalisten Ausschau, die nach verschnupften Personen suchen und niest einmal kurz für sie. Gebt ihnen zu Protokoll, dass ihr ganz arg verängstigt seid und dass eurer Meinung nach die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind. Damit könnt ihr einen Journalisten jetzt in der Vorweihnachtszeit glücklich machen. Sie haben es verdient, nachdem sie uns seit April so gewissenhaft über diese schlimme Krankheit informieren.

16.10.09

Anwalt der Kuscheltiere  -  10:54:05
Ohne aktuellen Anlass und mit reichlich Penetranz drängt sich seit dieser Woche ein neuer Akteur in die Gratiszeitungen. Gieri Bollinger, seines Zeichens selbsternannter Anwalt der Tiere, versucht sich offenbar mit Meldungen über Nebensächlichkeiten der Tierjusristerei einen Namen zu machen und arbeitet an seiner Medienkarriere. Musste er seine Geschichte über einen abgelehnten Tierversuch an der ETH noch an den Blick am Abend verschachern (wo immerhin ein Bild eines süssen Äffchens und ein Bild von Bollinger dazu abgedruckt wurde), hat er es heute geschafft, mit der Meldung einer Busse an einen Hobbyangler in 20Minuten zu erscheinen. Ungeachtet der Tatsache, dass pro Jahr über 800-1000 Tierversuchsbewilligungen entschieden wird und Angler regelmässig wegen Verstössen gegen die Fischerei-Bestimmungen angezeigt werden, nahmen die Zeitungen die Meldung auf und veröffentlichten auch Kommentare des Tier-Anwalts.

Nun fragt sich der aufmerksame Leser (oder vielleicht auch nur der Agenda-Setting Forscher?), wieso gerade jetzt diese Belanglosigkeiten mit so schönen, bunten Bildern und dramatischen Überschriften abgedruckt werden. Und tatsächlich wird man in den Protokollen der Herbstsession fündig: Vor zwei Wochen wurde die Volksinitiative für Tieranwälte vom Parlament angenommen, was natürlich für einen Anwalt im Dienst der Fauna nicht nur Grund zum Feiern, sondern auch den Startschuss zum Abstimmungskampf bedeutet. Wenn über diese Initiative am 7.März 2010 von den Bürgern abgestimmt werden soll, müssen diese heute schon wissen, was ein Tieranwalt eigentlich ist und was er wichtiges tut. Und wenn dieses Bewusstsein nur durch die überzogene Berichterstattung von Highlights im Alltag von Gieri Bollinger in Gratiszeitungen geschaffen werden kann, muss man einem Hobbyfischer halt mal eine Busse von "bis zu einer Million Franken" androhen, um einen Artikel platzieren zu können.

Hauptsache, die Menschen erfahren, dass die Schweiz nun mal Tieranwälte braucht, da sonst niemand einen Affen vor Bundesgericht vertreten kann und Fische um ihr Recht gebracht würden, auch ordentlich getötet zu werden, wenn sie schon in eine Angel beissen. Ich freue mich auf viele weitere, spannende Artikel über Tierprozesse, die sicher bald wie Pilze aus dem Boden schiessen werden.
Wie kommen die Journalisten in Ländern ohne direkte Demokratie und Abstimmungskomitees eigentlich zu Nachrichten? Müssen die etwa selber suchen?

10.10.09

Die brühmten letzten Worte  -  10:17:26
Wer kennt sie nicht, die letzten Worte des Bettnässers ('Ich mach mal die Heizdecke an'), des Grosswildjägers ('Wo ist denn der Löwe hin?'), des Dachdeckers ('Ah, der Wind frischt auf') und des Securitas ('Halt! Wer da?'). Unlängst wurde diese Liste, die mittlerweile Websites füllt, durch ein weiteres Mitglied erweitert:
Die letzten Worte einer politischen Karriere: 'Ich lass mich doch von den Medien nicht zum Hampelmann machen!'
Dieser Geniestreich gelang dem zürcher Regierungsratskandidaten Ernst Stocker nach einem Radio-Duell, das er verliess, als ihn die Fragen seines Kontrahenten zu nerven begannen. Dieser Rückzug wäre an sich nicht sehr schlimm gewesen, hätte er sie doch auf unfaire Sticheleien seines Kontrahenten, auf schlechte Moderation des DRS4-Moderators oder meinetwegen auf Kopfweh schieben können. Doch er machte den Fehler, die Medien™ pauschal zu beschuldigen, ihn zum Hampelmann machen zu wollen.
Nun stelle sich einer die armen Journalisten vor, die am nächsten Tag diese Pressemeldung lesen und sich kollektiv betroffen fühlen mussten. Versuchen diese fleissigen Schreiber doch jeden Tag, die Menschen mit unabhängiger Information zu versorgen und ihnen die neuesten Nachrichten ausgewogen und ojektiv zu präsentieren. Und all dies trotz der unablässigen Versuche der Politik, sie zu instrumentalisieren und der Unternehmen, die sie mit Anzeigekampagnen ködern wollen, um Einfluss auf den redaktionellen Inhalt zu nehmen. Diese armen Journalisten nun, müssen sich kollektiv auf der Anklagebank sehen und sind natürlich tief gekränkt und rachelustig. Sie sind ja auch nur Menschen.
Nun ist es natürlich ein Fehler, sich all jene Leute gleichzeitig zum Feind zu machen, welche die Bürger über die kommenden Wahlen und die Kandidaten informieren werden. Witzelte Ernst Stocker tags zuvor noch damit, dass er (im Gegensatz zu seinem Kontrahenten) kein Medientraining braucht, da er vom Land kommt und von Natur aus locker ist, bewies er mit dem kleinen Faux-Pas das Gegenteil. Die Reaktion der Journalisten war eigentlich abzusehen, da diese Leute immer einige Politologen auf Kurzwahl haben, die ihnen griffige Kommentare liefern können:
Der Tagesanzeiger lässt JM Büttner erklären, ein SVP-Mann, der derart "schnell die Nerven verliert, wenn nicht alles so läuft, wie er es haben möchte, wirkt wenig souverän." Dazu werden Leserbriefe zitiert, die bei dem Kandidaten "schlicht und einfach nicht das Format für einen Regierungsrat" sehen.
20Minuten bildet Jositch mit einem gelassenen Gesicht neben Stocker mit hochrotem Gesicht (von schräg unten fotografiert für extra-grusel-Effekt) ab, und lässt sich eine halbe Seite darüber aus, wie ihm der Kragen platzte. Dazu äussert sich auch die Politologin Regula Stämpfli die erläutert, dass es für einen Regierungsrat keine Option sei, sich einer unangenehmen Diskussion so zu entziehen. Das sei nicht staatsmännisch.
Selbst die NZZ lässt sich in der Freitags-Ausgabe darüber aus, dass Stocker "entnertvt" das Studio verliess, nachdem er auf das "wenig konsequente Verhalten", das er in der Minarett-Frage an den Tag legt, angesprochen wurde.

Die Aussage, die Medien wollten ihn zum Hampelmann machen, wurde damit zu einer Self Fulfilling Prophecy für Ernst Stocker. Auch wenn vor der Aussage niemand versuchte, ihn zum Hampelmann zu machen, seither ist er offiziell einer.
Deswegen ein kleiner Hinweis an künftige Kandidaten: So ziemlich jedem lässt sich die Schuld für ein Fehlverhalten in die Schuhe schieben. Der Gesundheit, seinen Gegnern, einzelnen Journalisten,... aber nie den Medien™. Denn wer soll diese Schuldzuweisung schon in der Öffentlichkeit vertreten?

08.10.09

Man lernt nie aus  -  11:54:47
Es ist unglaublich, was man aus Gratiszeitungen alles lernen kann, wenn man sie aufmerksam liest und nicht nur die Bildchen betrachtet, um sich daovn abzulenken, dass man eigentlich etwas sinnvolleres tun sollte. So habe ich heute morgen zwei wichtige Dinge in Erfahrung bringen können, die mir ohne die beiden Altpapierbündel (dem neuen, verbesserten, kaum veränderten, rosaroten heute und dem ausgedruckten Newsfeed News) glatt entgangen wären.
Die erste erstaunliche Nachricht war, dass die Menschen erst seit 30 Jahren Temperaturen messen können. Aufgedeckt wurde diese Sensationsnachricht vom neuen, rosaroten heute, das auf der Titelseite verkündete, dass gestern der wärmste Herbsttag war, seit Menschen Temperaturen messen können. Die Aussage wurde auf der zweiten Seite von SF Meteo bestätigt: Es ist tatsächlich der wärmste Oktobertag seit dreissig Jahren (siehe Bild). Diese unglaubliche Entdeckung lässt die Arbeiten der Physiker des letzten Jahrhunderts in einem neuen Licht erstrahlen. Insbesondere Gay-Lussac, der vor 200 Jahren schon die Temperaturabhängigkeit von Gasen beschrieb, musste dies offenbar ohne Thermometer tun. Respekt.
Die zweite Meldung wird Statistiker etwas überraschen, sie muss jedoch stimmen, denn sonst wäre sie nicht in News abgedruckt worden. Die Schlagzeile, die heute morgen über dem wahllosen Ausdruck von Newsfeeds stand, war nämlich: "Die Minarett-Initiative hat sehr gute Chancen - Nur eine hauchdünne Mehrheit lehnt die Anti-Minarett-Initiative ab, zeigt eine Umfrage des Tages-Anzeigers".
Die Zahlen, die dieser Meldung zu Grunde liegen, sehen folgendermassen aus: Auf die Frage, ob man Ja oder Nein stimmen würde, wenn diese Initiative nächsten Sonntag zur Abstimmung käme, antworteten 513 Personen mit Nein und 352 Personen mit Ja. Wie hauchdünn die Mehrheit ist, kann dem Kuchendiagramm unten entnommen werden.

Es ist ja nun nicht so, als müsste man glauben, was in diesem mitnehmbaren Schonbezügen für Zugsitze steht. Und es mag sein, dass man nicht immer so viel Zeit hat, eine Nachricht zu recherchieren. Aber für ganz so dumm muss man seine Leser doch auch nicht verkaufen.

Blick am Abend Bild Antiminarett-Kuchendiagramm
Bilder: Ausschnitte aus Blick am Abend zum wärmsten Tag der Menschheitsgeschichte / Kuchendiagramm der Sonntagsfrage zur AMI (nach Zahlen der Isopublic-Umfrage über bereits entschiedene Bürger)

31.03.09

Für eine Zigarette davor  -  14:21:23
Unlängst machte ein grosser Skandal in den S-Bahnen um Zürich die Runde. Kloraucher liessen Passagiere erfrieren. Da die neuen S-Bahnen, wie vor einiger Zeit bereits erwähnt (siehe hier), ein brilliantes Lüftungssystem haben, welches die Luft aus der Toilette direkt in alle Wagen verteilt, ist eine Zigarette nach dem Gang auf die Toilette eine schlechte Idee. Bei Rauch schaltet diese Lüftung nämlich sofort ab, damit im Fall eines Feuers nicht der ganze Qualm im Zug verteilt wird.

Mag dies im Winter auch ärgerlich sein, hat das System durchaus auch positive Seiten. Wenn ein bisschen Rauch schon reicht, um die Lüftung davon abzuhalten, den Duft der Toilette im Zug zu verteilen, dann ist damit ein Kraut gegen den strengen Geruch in den neuen S-Bahnen gewachsen. Ich möchte daher alle Raucher darum bitten, sich vor längeren Sitzungen auf der S-Bahn-Toilette eine Zigarette, Zigarre, Pfeife, Tüte, einen Ballen Stroh oder sonstwas anzuzünden und es ganz nah an die Lüftung zu halten. Damit verhindert ihr, dass ihr beim Verlassen des Aborts von allen anderen Zuggästen mit hasserfüllten (teilweise auch leicht tränenden) Augen angestarrt werdet.
Solltet ihr gerade kein brennbares Material zur Verfügung haben oder Nichtraucher sein, so ist das auch kein Problem. Vor jeder Türe der S-Bahn stehen jeweils 3-4 zitternde Raucher, die nervös mit ihrem Feuerzeug spielen und darauf warten, dass der Zug anhält, die Türe sich für eine Minute öffnet, und sie sich wieder eine Zigarette anzünden können, die sie dann mit einem Bein in der Tür hastig rauchen können, bevor sie wieder 5 Minuten auf Entzug sind. Diese netten Damen und Herren werden euch sicher kurz ein Feuerzeug leihen.

Die anderen Fahrgäste werden ihnen die Notabschaltung der Lüftung danken. Insbesondere, da die Tage jetzt wieder wärmer werden und keine Erfrierungsgefahr mehr besteht.
Alternative zum Lernen  -  14:00:35
Ähnlich wie in Kansas, wo die Schüler nicht mehr mit komplizierten wissenschaftlichen Theorien und Fakten belästigt werden und statt wissenschaftlichen Fächern ein höheres Pensum an Religionsunterricht erhalten haben, will jetzt auch ein Komitee von schweizer Freikirchlern, die sich selber als Kreationisten bezeichnen, Bibelkunde in den Biologieunterricht verlegen. Nach einer Petition an den zürcher Kantonsrat soll jetzt auch eine Volksinitiative vorbereitet werden, dass die Schöpfungsgeschichte mit Adam, Eva und der Sintflut als Alternative zur Evolutionstheorie in der Biologie gelehrt wird, damit die Schüler sich zwischen den beiden Alternativen entscheiden können.
Ich finde das eine revolutionäre Idee. Das ist genau das, was mir in meiner Schulzeit gefehlt hat: Alternativen zum Schulstoff.
Ich wäre dann auch dafür, dass diese Idee auf weitere Schulfächer ausgedehnt wird. In Französisch müsste dringend Englisch als alternative Fremdsprache gelehrt werden, so dass die Schüler sich bei den Prüfungen entscheiden können, in welcher Sprache sie die Übersetzung machen möchten. In der Physik würde ich als Alternative zur Graviatationstheorie die Ägyptische Mythologie empfehlen, nach der nicht die Erde um die Sonne kreist, sondern Sonne und Mond die Augen von Ra sind, die über uns wachen. Und in Werken und Handarbeit muss als Alternative zum Selbermachen dringend das Blättern in den gelben Seiten gelehrt werden, damit die Schüler sich entscheiden können, ob sie stundenlang schwitzen und sich mit dem Hammer auf den Daumen hauen möchten oder doch lieber in den nächsten Laden gehen und sich ein fertiges Vogelhäuschen kaufen. Ausserdem müsste im Leseunterricht in der Primarschule die Alternative des DVD-schauens gelehrt werden, damit sich die Schüler zwischen einem langweiligen Buch und einem spannenden Film entscheiden können.

Eigentlich könnte man nach diesem Prinzip die Schule auch generell revolutionieren und in allen Fächern als Alternative zum Lernen auch Dummbleiben vermitteln. So dass Schüler sich entscheiden können, ob sie auf eine Prüfung lernen wollen oder lieber bei jeder Frage 'weiss ich doch nicht!' hinschreiben möchten. Natürlich mit gleicher Benotung.

Jetzt mal ernsthaft: Wieso um alles in der Welt sollte man in der Biologie Alternativen zur Biologie lehren? Es gibt doch wirklich schon genug Biologie-Stoff, den man lernen muss. Auch ohne dass man den Lehrplan mit fachfremden Inhalten füllt.

27.08.08

Man kann's ja mal versuchen  -  17:53:43
Um noch die letzten Flauten des Sommerlochs auszunützen, bevor richtige Nachrichten wieder den Hauptteil der Zeitungen ausmachen, hat heute das Cabaret Voltaire eine niveaulose Kampagne gestartet. Nach dem jahrelang erfolglosen Versuch, Müll und kindische Kritzeleien als Nichtkunst zu verkaufen und damit ein Museum zu halten, wurde heute der erbärmliche Startschuss für eine tagelange Image-Kampagne abgegeben. Unter dem Vorwand, Strassenecken, Gebäude, Verkehrsschilder, Bäume und vieles andere zu verkaufen, wird die Stadt Zürich mit Werbe-Buttons zugekleistert. Diese, und das ist es, was meine Sommerruhe zu brechen vermochte, stellen sich als runde, rote, ca. 30cm breite Schilder mit einem breiten weissen Streifen in der Mitte, dar. Wem das noch nicht reicht, um den weiteren Verlauf der Kampagne zu erahnen, dem hilft der Fotograf auf die Sprünge, der das Bild zur halbseitigen Anzeige in 20Minuten geschossen hat. Dieser war nämlich geistesgegenwärtig genug, eines der Runden Schilder vor einem 'Einfahrt verboten'-Schild zu fotografieren (siehe unten).
Morgen oder übermorgen wird dann der (sicherlich bereits geschriebene und gesetzte) zweite Teil der Kampagne folgen: Ein besorgter Bürger, die Stadtpolizei oder sonstjemand wird sich beschweren, dass die Schilder auf den ersten Blick wie 'Einfahrt verboten'-Schilder aussehen und entfernt werden müssen. Über diese Empörung aus dem Volk muss 20Minuten dann natürlich berichten, wobei so getan wird, als hätte man den Bericht nicht bereits gestern geplant. Dann, vielleicht noch am selben Tag oder einen Tag später, wird sich der Oberdada Meier zu Wort melden und gegen die versuchte Zensur wettern, die Polizei für ihre Intoleranz gegenüber der Kunst rügen und die Welt für ihr Nichtverständnis der dadaistischen Nichtkunst aufs Härteste verurteilen. Dann entbricht so bis nächste Woche ein, in Wirklichkeit nicht vorhandener, Ideologienkrieg in den Gratiszeitungen, in dessen Zuge sich Passanten über die Unverschämte Beschilderung, die intoleranten Kunstbanausen und die gemeine Zensur äussern und der eine oder andere Experte zitiert wird.
Und bis zum Wochennde wissen alle, was das Cabaret Voltaire ist und was Dadaismus ist und werden sicherlich die Bestrebungen der möchtegern-Dadas in vierter Generation unterstützen, staatliche Gelder für ihre absolut entbehrliche Aktivität in Zürich zu kassieren.

Das Bild
Das Bild in 20Minuten. Quelle: Aebi, 20Minuten

Nachtrag, 8.9.2008:
Leider haben die armen Dada-Nacheiferer, welche das Cabaret Voltaire besetzen noch nicht ausreichend 'Gegner' ihrer Kleber mobilisieren können, um einen Folgeartikel zu rechtfertigen. Lediglich Mauro Tuena (SVP Zürich) hat sich offenbar aus Mitleid bereit erklärt, den Gegner zu mimen, um wenigstens eine Randnotiz in Tagesanzeiger und .ch zu erhaschen (Tagi, .ch (seite 11)). Allerdings ohne die erwünschte Einschaltung der Polizei, welche absichtlich noch mit einem neckischen Video gereizt wurde. Da wünsch ich doch noch viel Erfolg in den nächsten Wochen.
sunny days are over  -  17:49:58
Das Sommerloch neigt sich nun auch hier im Blog langsam dem Ende zu. Der Sommer war mit einigen Sonnentagen, schönen Sommergewittern, Regenwochen und Hitzeperioden vom Wetter so aussergewöhnlich normal, dass man vermuten könnte, die Gebete zum Klima, die Hybrid-Käufe und das kollektive Schuldbewusstsein hätten tatsächlich die gewünschte Wirkung gebracht: Das rachsüchtige Klima, das uns die letzten Jahre für unsere CO2-Emissionen hart bestraft hat, scheint sich beruhigt zu haben. Freude herrscht.
Auch von der Fülle an Ereignissen war der Sommer äusserst gewöhnlich. Ausser den durchaus aufschlussreichen Statistiken über das Sexualverhalten verschiedener Nationen, die Diskussion über aufgespritzte G-Punkte und das geplante Konzert von Madonna und gelegentliche Kleinskandale gab es nichts erwähnenswertes. Und da die SVP auch noch immer keine Inserate in diesem Blog schaltet und mir auch sonst kein Geld zahlt, hatte ich auch keine Motivation, den Armeechef zu denunzieren. Also schwieg dieser Blog und genoss den Sommer.
Doch nun, da die Sommerferien zu Ende sind, die Pendlerzüge wieder voller werden und die Ständer der Gratiszeitungen sich jeden Tag leeren (ausgenommen von den Ständern, in denen 'News' und das neue, verbesserte, rosarote 'Heute' vor sich hin gammeln), scheint sich auch das Sommerloch wieder zu schliessen. Teilweise sind zwischen den Meldungen über das neue Rivella und abgestürzte Ferienflieger schon richtige Nachrichten zu finden.

Allerdings habe ich entweder ein gigantisches Déja-vu oder die Politiker sind mental noch nicht aus den Ferien zurück. Überraschenderweise stellte sich nämlich die CVP gegen Killerspiele, noch überraschenderweiser wurde Micheline Calmy-Rey für ihre zu grosse Offenheit gegenüber dem Nahen Osten gerügt und am überraschendweisendsten findet Blocher, dass in der Regierung Mauscheleien laufen, die an die Öffentlichkeit gezerrt werden müssen.
Ist irgendwie wie das Intro zu jeder aktuell laufenden Serie: Previously on Battlestar Galactica Politics.

28.04.08

Fäkalpolitik  -  12:24:39
Die Aktion für eine Neutrale und Unabhängige Schweiz (ANUS), die mit ihrer Galleonsfigur Christoph Blocher sogar den Sprung in die Regierung geschafft hatte, ist aus der schweizer Politik kaum noch wegzudenken. Ohne ANUS blieben uns wohl die selbstgefälligen Auftritte Mörgelis vorentahlten. Auch Hetzreden und Minarett-Proteste der prominenteren Mitglieder und Sympathisanten dieses Vereins würden uns sicher abgehen. Aber auf jeden Fall, und das betont der stolzgeschwelte ANUS bei jeder Gelegenheit, wären wir ohne ihn schon lang in der EU. So hat ANUS, umganssprachlich auch als Braune Fraktion der SVP zu bezeichnen (ich liebe funktionierende Bilder), uns in den letzten Jahren immer wieder zum Lächeln, Kopfschütteln und Neutralsein verholfen.
Doch seit mit der Abwahl der Galleonsfigur und der Wahlschlappe des Sympathisanten Maurer der ANUS in den letzten Wahlen gründlich abgewischt wurde, weht ein anderer Wind. Jetzt ist schluss mit halbverdeckten rassistischen Äusserungen in Tageszeitungen. Jetzt ist fertig mit selbstgefälligem Kameralächeln und kleinen Spitzen gegen die Linke. Jetzt kommt's Dick.
Und irgendwie erinnert mich das an eine Geschichte, die ich vor Jahren einmal in einem dieser spassigen Büro-Emails gelesen habe die ausgedruckt an Türen und Wänden von Grossraumbüros hängen, um den Humor an der Flucht aus dem Dauerneonlicht zu hindern. Ich möchte sie hier in kurzen Zügen wiedergeben:

Als nach der Erschaffung des Menschen die Organe begannen, sich zu organisieren, da tauchte die Frage nach einem Chef auf. Nach dem Boss der Organe, der die Konrolle über die anderen haben sollte und der die Aufgaben verteilt.
Natürlich meldete sich erstmal das Gehirn, das durch seine Intelligenz, seine Nervenbahnen an die entlegensten Stellen des Körpers und durch seine erhabene Position den Job auf Sicher zu haben schien. Doch auch die Arme wollten Boss werden und argumentierten damit, dass sie schliesslich die härteste Arbeit verrichten und das Essen zum Mund führen und das täglich Brot verdienen. Auch die Beine wollten Boss werden und sagten, dass ohne ihre harte Arbeit der Mensch ja nirgendwo hinkommen würde. Sie hätten den wichtigsten Job und müssten deswegen Boss sein. Auch die Augen, Ohren und die Nase hatten gute Argumente und alle wollten gerne Boss sein.
Da meldete sich der Anus und sagte, er habe das Recht, Boss zu sein. Er habe schliesslich den schmutzigsten Job und sie könnten alle nicht ohne ihn auskommen. Wenn er nicht so präzise und streng arbeiten würde, dann würde der Mensch von Peinlichkeit zu Peinlichkeit gleiten und könnte keiner Arbeit nachgehen.
Da lachten die anderen Organe von Herzen (ach ja, das Herz wollte natürlich auch Boss werden) und amüsierten sich köstlich über die Einbildung des Anus. Keines nahm ihn Ernst.
Doch da beschloss der Anus, in Opposition zu gehen und zu streiken, bis er schliesslich Boss würde. Er gab seine Arbeit auf, verkrampfte sich und wartete ab. Lange passierte nichts, doch nach einer Woche begann der Magen, sich flau zu fühlen und die Beine wurden schwach. Die Arme bewegten sich unkontrollierter und das Gehirn konnte sich schlecht konzentrieren. Je länger der Anus sich verkrampfte, desto unmöglicher wurde es den anderen Organen, ihrer Arbeit nachzugehen. Der Magen schmerzte, das Herz schlug unregelmässig, vor den Augen erschienen Sterne, auf den Ohren war ein Dröhnen, das Gehirn konnte keinen Gedanken halten und die Organe gaben allmählich auf.
Sie erklärten den Anus feierlich zu ihrem Boss, wenn er endlich wieder an die Arbeit gehen würde. So wurde der Anus der Boss des Körpers.

Die Moral der Geschichte war, wenn ich mich recht entsinne, dass weder harte Arbeit noch gute Gedanken, weder gute Instinkte noch zuverlässige Arbeit einen Boss ausmachen. Alles was ein Boss sein muss, ist ein verkrampftes Arschloch.
Also eine Geschichte, die praktisch dafür erfunden wurde, an Bürowänden zu hängen.


Nun bleibt natürlich angesichts der Opposition der ANUS-geschwängerten SVP die Frage, was härter ist: Der Schliessmuskel der Aktion für eine Neutrale und Unabhängige Schweiz oder die drückenden Politischen Tagesgeschäfte, von denen sie den Körper der schweizer Regierung abhält, weil sie sich in ihrer Ehre gekränkt fühlt.

P.S: Ich liebe funktionierende Bilder wirklich. Auch wenn ein kleiner Buchstabendreher nötig ist ;)

07.03.08

Gratis oder Billig?  -  08:37:01
Was niemand für möglich hielt, ist nun Realität geworden: Selbst Gratiszeitungen, die lediglich eine Handbewegung kosten, nachdem man aus dem Zug oder Tram aussteigt, haben offenbar zu wenig Nutzen, als dass sie diese Mühe wert wären. Die Zeitungsständer, welche in den Städten wie Pilze wuchern bleiben häufiger bis zum nächsten Morgen voll, da immer weniger Leute einen Bündel Altpapier rumtragen möchten, nur um ein Sudoku lösen zu können.
Und da am Nachmittag die Ständer von .ch und News noch immer voll sind, hat das Abendaltpapier heute seinen einzigen Vorteil eingebüsst, am Abend im Zug als Kreuzworträtsel zu dienen, eingebüsst. So streicht dann diese Zeitung auch als erste die Segel. Mögen noch einige folgen.

Bevor jedoch ein Gratiszeitungsprojekt nach dem anderen im Sand verläuft, möchte ich an dieser Stelle eine Bestandesaufnahme machen.

20 Minuten - Die Pendlerzeitung: Die einzige unter den Gratiszeitungen, die diese Bezeichnung auch verdient, überzeugt Tag für Tag mit ansprechenden Artikeln, Nachrichten aus dem In- und Ausland, Hintergrundberichten und einem guten Web-Auftritt. Kein Wunder, dass die 20-Minuten-Kästen schon eine Stunde nach ihrer Befüllung nur noch mit Glück ein Exemplar enthalten.
Zwar wird einem schmerzhaft klar, wie die Zeitung gratis bleiben kann, wenn an Publireportagen, als Artikel gearnte Werbung (z.B. die Werbung für den Kuschel-Song) oder den Namen eines langjährigen Sponsors als Lösungswort des Kreuzworträtsels findet, aber das nimmt ein Pendler gerne in Kauf, wenn er dafür jeden Tag gratis eine echte Zeitung in die Hände bekommt, die mit einem Calvin+Hobbes-Comic und einem anspruchsvollen Sudoku den Morgen erträglich macht.

.ch - Die Bürgerinformation: Die relativ neue Zeitung .ch ist nicht nur so gut recherchiert, sondern auch genauso spannend wie ein Abstimmungsbüchlein. Der leicht trocken anmutende Anhang des Amtsblattes berichtet gerade vor Abstimmungen und Wahlen sehr ausgewogen und seriös über alle relevanten Themen, lässt jedoch Comics, Witze, Softnews und alle anderen Kindereien schmerzlich vermissen. Wenigstens tragen die Macher von .ch dem aktuellen Trend Rechnung, für jeden Mist ein kostenpflichtiges SMS zu verschicken und hat auf der Rätselseite die Druckversion des Nachtprogramms bei VIVA realisiert.

News - Das Sprachrohr der SDA: Dieses Bündel Papier, welches seit kurzer Zeit in den Gratiszeitungs-Kästen vor sich hinschimmelt hat eine brilliante Grundidee: Man schliesse einen Drucker an den Newsticker an und verkaufe zwei Drittel jeder Seite an einen Werbekunden. Dadurch, dass pro Zeitung nur einer oder zwei der Artikel auch nur einen Federstrich eines Journalisten erhalten müssen, kann man die Zeitung eigentlich mit einem 20% arbeitenden Journalismus-Studenten, einem Layouter und einem Verantwortlichen für Werbeaufträge herausbringen. Oder, was wahrscheinlicher ist: Eine Handvoll Journalisten des Tagi basteln diese Zeitung jeden Tag in der Mittagspause.
Wenigstens ist es bei dieser Zeitung nicht so schlimm, wenn man sie einen Tag mal nicht erwischt (als wäre das möglich, sind doch die Ständer am nächsten Morgen noch immer voll). Man kann einfach auf eine beliebige Website mit einem Newsfeed gehen und sie ausdrucken.

heute - Ein Sudoku mit Anhang: Last and least, das Altpapierbündel, das als erstes das Handtuch wirft. Dieser, inhaltlich und grammatikalisch an eine Schülerzeitung erinnernde, Anhang an den Blick wurde in diesem Blog schon das eine oder andere Mal erwähnt. Eine kleine Redaktion bastelte hier täglich ein paar Seiten, auf denen Newsfeeds abgedruckt waren, die man schon in 20Minuten gelesen und im Radio gehört hatte; neben ein paar ortographisch haarsträubenden Eigenleistungen. Gegen die Rubrik 'Wissen' war Gallileo eine Fachzeitschrift und gegen die Rubriken 'Life' und 'Nachteleben' war eine Klingeltonwerbung eine interessante, unkommerzielle, journalistisch hochstehende Sendung. Wenigstens überzeugte heute mit einem Nicht-Lustig-Cartoon auf der letzten Seite und einer Rätselseite, die man im Tram auf dem Weg zum Bahnhof komplett lösen konnte.
Es bleibt zu hoffen, dass sich das heute-Team bei seinem neuen Projekt 'Blick am Abend' mehr an dem höheren Niveau des Blick orientiert und dass der Grüsel in der Midlife-Crisis, der täglich eine weitere Episode aus dem Leben einer bisexuellen, rotznäsigen Möchtegern-Nymphomanin in der 'Ich'-Perspektve neben den Wetterbericht schreibt, endlich seine Tastatur an den Nagel hängt.

05.03.08

Ein Hoch auf die Dummheit  -  08:46:23
Restlos begeistert von der pädagogisch äusserst wertvollen neuen Serie EUReKA möchte ich hier auf die längst überfällige Botschaft eingehen, welche darin vermittelt wird:

Irgendwo im mittleren Westen der USA liegt eine verträumtes, kleines Städtchen mit weissen Gartenzäunen, einem Diner mit täglich frischem Applepie und natürlich jeder Menge Stars and Stripes an den zahlreichen Fahnenmasten in den Vorgärten. Kurzum: Eben genau das, für dessen Erhaltung die amerikanischen Soldaten in aller Herren Länder ins Gras beissen.

Doch die Einwohner dieser Stadt sind ganz besonders. Alle, selbst die Kinder dieses Ortes, sind Genies. Physiker, Mathematiker, Biologen, Ingenieure und führende Köpfe aller anderen Wissenschaften bilden zusammen die Bevölkerung von EUReKA. Ihr einziger Lebensinhalt ist das Erfinden von tollen neuen Erfindungen zum Schutz des Friedens und der Freiheit Hort. Die klügsten unter ihnen sind gar in einer geheimen Anlage ausserhalb des Ortes tätig, in der die wirklich grossen Experimente durchgeführt werden.

Diese Stadt hat nun aber ein Problem. Die Wissenschaftler spielen, wie das Wissenschaftler nun mal ihrer Natur entsprechend tun, GOTT. Sie beugen Raum und Zeit, erschaffen gefährliche Maschinen, jagen sich selber bei Testläufen in die Luft und gefährden die gesamte Welt dadurch, dass sie täglich eine neue Schachtel aus Pandoras Kistenlager öffnen. Dieser Umstand, zusammen mit der angeborenen Unfähigkeit jedes Wissenschaftlers, sich über die Konsequenzen seiner Forschung im Klaren zu sein, bringt die Welt täglich in neue Gefahr. Doch dagegen hat die Regierung nun ein Patentrezept gefunden: Einen guten Sheriff.

Der neue Sheriff, der in der Stadt eingesetzt wird, ist der personifizierte Mittlere (bis Wilde) Westen der USA: Ein blauäugiger, drahtiger, stoppelbärtiger, biertrinkender, baseball-schauender, schusswaffenerprobter, bowlingspielender Vollblutamerikaner im Jeanshemd mit einer hinreissenden blonden Teenager-Tochter und einem etwas wilden Temperament.
Dieser Sheriff ist nicht von ungefähr in die Stadt versetzt worden. Denn wenn auch die Eierköpfe, welche die Stadt bewohnen, tolle Dinge erfinden und in der Schule immer aufgepasst haben, fehlt ihnen eines: Die Bauernschläue. Sie haben einfach nicht die Strassenschläue eines Durchschnittsamerikaners, welche nötig ist, um ihre Erfindungen einzusetzen. Also muss ihnen Mr. American Pie zeigen, wo der Hammer hängt.
Es ist die Aufgabe dieses Idealbildes eines Eherfrauen-verprügelnden, Hippies-verdreschenden und Fahneneid-schwörenden Super-Amerikaners, zu verhindern, dass sich die Gehirnmenschen durch ihren Drang, Gott zu spielen, in die Luft jagen. Und dies tut er mit grossem Erfolg. Er ist der einzige, der auf einfache Lösungen für die Probleme der Wissenschaftler kommt, welche ihnen durch ihre dicken Brillen verwehrt bleiben.
Denn was ist schon ein Synchrotron schon anderes als ein Videorecorder? Beides hat einen Aus-Schalter! Der Unterschied liegt nur in der Grösse. Und wenn ein Handy kaputt geht, wenn man es auf den Boden schmeisst, dann muss man einen Flux-Kompensator, der einen Riss ins gesamte Universum reissen kann, nur aus einer ensprechend grösseren Höhe fallen lassen, damit er aufhört. Und nicht, wie die Eierköpfe es versuchen, ihn umrpogrammieren oder mit einer anderen Maschine bekämpfen. Damit verliert man nur Zeit.

So wird dann auch die Aussage der Serie mit jeder Folge deutlich dargestellt:
Mögen auch gewisse Menschen meinen, dass die Zukunft der Welt in den Händen der Wissenschaftler liegt, so ist dabei nicht zu vergessen, dass die Wissenschaft alleine die Welt nicht retten kann, sondern höchstens in Gefahr bringt. Um aus den irrsinnigen Erfindungen der Wissenschaftler etwas Praktisches zu machen, das der Menschheit wirklich hilft, braucht man ungebildete, praktisch denkende, hart arbeitende, cholerische Menschen, welche genau wissen, wer die Bad Boys sind und wie man bei der Fernseh-Fernbedienung die Batterie wechselt. Denn nur mit Bauernschläue, Brachialgewalt und Budweiser lässt sich die Welt retten und der rechmässige Platz Amerikas an der Spitze der freien Welt rechtfertigen.

God save the Cowboys!

08.02.08

Komplottfeindlich  -  16:45:05
Die Abstimmung zum Tarlanc.ch-Unwort hat einen deutlichen und unerwarteten Ausgang genommen. Das 'Blocher Komplott' war offenbar für zwei Fünftel der 38 Befragten die nervenaufreibendste und lächerlichste Wortschöpfung des Jahres 2007. Dicht gefolgt wird es von 'zero', womit diese beiden Marketing-Wortschöpfungen sowohl die klimatechnischen Wortkreationen als auch das Pakistanische Oxymoron abgehängt haben.
Die Leser dieses Blogs scheinen also marketingtechnische Rohrkrepierer um einiges stärker zu verachten als fehlleitende Begriffe zur Rettung des Planeten.

Abstimmungsergebnis
Abstimmungsergebnis Ende Januar

Hart wird dieses Ergebnis vor allem den Urheber dieses Unworts treffen, der noch immer eine andere Kränkung verkraften muss. Nachdem sein Sprachrohr aus dem Bundesrat geworfen wurde, hat man den armen Christoph Mörgeli nun auch noch mit dem Nazi-Arzt Mengele verwechselt. Und das, obwohl er sich seit Jahren auf seine Rolle als Reichspropagandaminister des Kaiserreichs Helvetien unter dem mittlerweile Arbeitslosen Kaiser Christoph vorbereitet. So hart hat der Berufspolemiker gearbeitet, um nur einmal vor einem ausverkauften Sportstadion die Worte 'Wollt ihr die totale Ausschaffung?' mit brechender Stimme rauszukrakelen, und dann wird er gemeinerweise von einem Bundesrat mit dem falschen Nazi verwechselt.
Und nun wird auch noch sein cooler Komplott-Plan, der trotz der guten Zusammenarbeit mit Blick und Weltwoche, nicht aufgegangen ist, auch noch nerviger als Coke Zero und Klimaschutzfonds zusammen empfunden. Hoffentlich fällt der gute jezt nicht in ein Loch und verliert sein süffisantes Grinsen, welches die Arena-Zuschauer regelmässig dazu verleiten will, schwere Gegenstände gegen den Fernseher zu werfen.

Aber wie ich Christoph Mörgeli kenne, der übrigens einen der obersten Listenplätze meiner 'Wenn ich mal mit Torten schmeiss'-Liste inne hat, wird er durch diese Vorfälle nur stärker. Er könnte sich zum Beispiel Mühe geben, seine Kolumne als Podcast zu veröffentlichen, um die jungen analphabetischen Rechtspatrioten besser anzusprechen. Oder er lässt sich einfach einen Klumpfuss ans rechte Bein operieren, um nie mehr mit einem Nazi verglichen zu werden, dem er nicht tatsächlich nacheifert.
Tarlanc.ch wünscht seinem Ego jedenfalls gutes Genesen.

26.01.08

Symbolträchtige Jungfernfahrt  -  14:59:51
Das Umweltbewusstsein der Menschen nimmt fast jeden Tag neue Formen an. Das jüngste Beispiel für diese neue, umweltbewusste Denken legte vor wenigen Tagen in Bremen ab: Ein Frachtschiff, das mit Windkraft statt Diesel den grossen Teich überfährt. Statt unmengen an CO2 über dem Meer zu verpusten, gleitet die MS Beluga SkySail nun klima- und naturfreundlich über die Wellen und beweist damit, dass der Mensch zu wirklich grünen Taten fähig ist, wenn er denn nur will.
Sehr interessant ist auch die Ladung, welche das Schiff über den Atlantik schifft. Wo schon alle Augen auf das umweltfreundliche Projekt gerichtet sind, muss nicht nur der Antrieb, sondern auch die Ladung bei der Jungefrnfahrt ein klares Zeichen setzen. - sollte man jedenfalls meinen. Offenbar war das aber nicht das vorrangigste Ziel der DHL, als sie das grünste aller Schiffe mit Baukomponenten für eine brandneue Sanplattenfabrik im Amazonas-Gebiet beladen hat. So schippert nun die Hoffnung aller Umweltschützer mit einem halben Sägewerk in den Regenwald, um die Holzgewinnung noch etwas effizienter zu machen. Und wieder einmal hat eines Menschen Unachtsamkeit eine Ironie geschaffen, wie sie den besten Drehbuchautoren erst nach dem dritten Whiskey und einem halbjährigen Streik in den Sinn kommen kann.

Was kann da noch kommen? Japans Walfangflotte, die auf Öko-Diesel umgerüstet wird? Eine internationale Dachorganisation für Globalisierungsgegner? Nein, ich muss neidlos gestehen, ich kann die Spanplattenfabrik nicht toppen.

Für eine Pressemeldung siehe hier: Beluga-SkySails

30.12.07

Unwort 2007  -  12:19:51
Liebe Leser,

aufgrund der hohen Leserbeteiligung von fast 30 Besuchern pro Woche (wobei ich auch die Bots grüssen möchte, die wohl zu den eifrigsten Lesern hier gehören) erstelle ich heute mal eine Umfrage.
Grund für die Umfrage ist meine Unentschlossenheit, welches heuer erdachte Wort wohl das absurdeste und nervigste war. Deswegen möchte ich diese Auswahl meiner geschätzten Leserschaft überlassen. Die Auswahl fällt dieses Jahr wirklich schwer, weil sich die Journalisten, Werbeleute und Politiker wirklich ins Zeug gelegt haben.

Zur Auswahl stehen:

Grosskundgebung gegen den Ausnahmezustand: Diese Wortschöpfung, welche an ein bereits ausreichend honoriertes Unwort - nämlich 'Krieg gegen den Terror' - erinnert, stammt aus der 20-Minuten vom 9.November 2007. Damit wurde der Kampf der mittlerweile leider in Ausübung ihres Regierungsumsturzes ermordete Benazir Bhutto bezeichnet, die gegen die massiven Unruhen in den Strassen Pakistans dadurch vorgehen wollte, möglichst viele bewaffnete Leute auf die Strassen zu treiben, um gegen die Unruhen zu protestieren.
20min:grosskundgebung
Ausschnitt aus der 20Minuten vom 9.11.2007 (Klicken zum Vergrössern)

Klimasünder: Diese äusserst brilliante Wortschöpfung, deren Urheber ich leider nicht kenne, bezeichnet einen Menschen oder einen Konzern, der sich in ungebührlicher Weise gegen das grosse, allwissende Klima versündigt. Unwissend, dass das Klima ein äusserst rachsüchtiger Gott ist und nicht erst im nächsten Leben, sondern bereits im nächsten Winter mit Höllischer Hitze alle Sünder bestraft und ihnen das Schlitteln verunmöglicht, sündigen diese Menschen achtlos durch das Ausatmen von CO2 oder das Fahren eines grossen Autos. Glücklich ist da, wer sich des richtigen Weges besinnt, seine Sünden beichtet und sich ein kleineres Auto zulegt. Siehe auch hier: Erwärme dich unser

Blocher Komplott: Dieser unheilvolle Geheimplan, der auch als Blocher-Verschwörung bekannt wurde, ist eine komplett in die Hosen gegangene Wahlkampfstrategie der oppositionellsten Partei der Schweiz. So viel Mühe sich Christoph Mörgeli mit diesem Geheimplan auch gemacht hat, den er den Linken und Netten in die Schuhe schieben wollte, die gegen die Bundesbulldogge intrigieren und am Thron des ungekrönten Kaisers der Schweiz rütteln, es wollte nicht funktionieren. Alle Anschuldigungen an die Parlamentarier, gegen Christoph I., Bundesrat aus Gottes Gnaden, irgendwelche Geheimen Absetzungspläne zu schmieden, hat die SVP zwar in der Gunst der Blick-Leser etwas verbessert, die Figur Blocher vor dem schweizer Parlament jedoch unglaubwürdig und noch penetranter erscheinen lassen. Vielleicht mit ein Grund, weshalb er im Dezember kurzerhand weggeschlumpft wurde.
Allein aufgrund der penetranz dieser Geheimplan-Diskussion, die seit einem halben Jahr die Weltwoche füllt, hat diese Self fulfilling Prophecy den Titel 'Unwort des Jahres' verdient.

Zero: Auch dieses Wort fiel dieses Jahr durch seine unglaubliche Penetranz und die Unverschämtheit seiner Botschaft negativ auf. Hiess 'zero' bis Anfangs dieses Jahres einfach noch 'null' im Englischen, Französischen und beim Roulette, so steht es spätestens seit diesem Jahr für: 'Ihr seid erstens zu dick, um weiterhin Cola zu trinken, zweitens zu eitel, um Light-Produkte zu kaufen und drittens viel zu dämlich, um zu merken, dass ausser der Etikette überhaupt nichts am neuen Cola Light geändert wurde.' Siehe auch hier: Volle Verarsche mit zero Respekt

Klimaschutzfonds: Diese weltverbesserische (und äusserst wirksame) Umschreibung für Spendenbetrug hat sich den Titel als Unwort gleich doppelt verdient. Erstens wegen der implizierten Aussage, dass das Klima eine gefährdete Entität ist, die man schützen muss, weil sie sonst stirbt oder verschwindet oder was auch immer. Zweitens aufgrund seiner zweiten Aussage, dass man das arme Klima dadurch retten kann, dass man einer Briefkastenfirma Geldbträge überweist. Diese, auf schlechtem Gewissen der Leute beruhende Masche zum gross angelegten Betrug hat dieses Jahr Millionen von Dollars umgesetzt. Damit funktioniert sie noch besser als die Spam-Mails der Nigeria-Connection und die Phishing-Seiten der Postbank zusammen. Und dabei ist dieser Begriff nichtmal urhebrrechtlich geschützt, so dass ihn jeder kleinspurige Betrüger selbst für sich verwenden kann.
Dabei sollte doch eigentlich klar sein, dass diese Klimaschutz-Organisationen alle nichts gegen das Sterben des Klimas unternehmen können. Wer wirklich etwas gegen den Klimawandel unternehmen will, sollte sich lieber an einem Projekt beteiligen, das wirklich aktiv ist. Wie zum Beispiel der Tarlanc.ch-Fonds für nachhaltige und schonende Klimapoltik im Sinne der armen Eisbären. Wer diesem nachhaltigen Projekt seine Hilfe anbieten möchte, kann dies auf folgendem Konto tun: PC 1-234567-89
Vielen Dank für Ihre Spende. Sie kommt auch garantiert an!

Nun also zur Abstimmung. Sie befindet sich bis Ende Januar am Anfang dieses Blogs.
(Ja, ich weiss, dass man mehrmals abstimmen kann, wenn man will, aber das ist gar nicht nett. Nur eine Stimme pro Person bitte)

Ich verbleibe mit Spannung
Tarlanc

12.12.07

Riesen-Fehler  -  20:53:02
Heute wurde ich buchstäblich von einem Rechtschreibfehler überwältigt. Ein gigantischer, mindestens einen halben Meter grosser Rechtschreibfehler lachte mich von der wunderbar bunten Anzeigetafel im Zürcher HB an. Wieder einmal ist es einem Autoren gelungen, einen Fehler zu machen, für den jeder Fünftklässler aufs schwerste von seinem Lehrer geschmäht wird: Er hat dass und das verwechselt.
Nicht, dass das besonders selten wäre. Man liest solche Verwechslungen fast täglich in jeder Gratiszeitung und kaum ein Mail oder ein Internetforenbeitrag ist frei von diesem kapitalen Fehler. Aber das ist ja auch verzeihlich. Wer nur mal schnell ein paar Worte in die Tasten haut und nicht auf die Rechtschreibung sondern nur auf den Inhalt achtet, kann sich ja mal vertippen. Wenn das aber einem Werbefachmann passiert, der gerade mal einen Slogan von 8 Worten auf ein Bild machen müsste, erstaunt das doch etwas. Schliesslich wurde dieses Plakat wohl kaum 5 Minuten vor der Ausstrahlung am Hauptbahnhof beschriftet, sondern lief durch die Hände von Grafikern, der Unternehmensleitung, anderen Werbeleuten, des Typen, der es in die Anzeigetafel eingelesen hat und wahrscheinlich noch einigen mehr. Und wenn da niemandem ein 30 auf 50 Zentimeter grosser Rechtschreibfehler aufgefallen ist, dann ist das schon etwas fragwürdig.

Ist denn das so schwer? Man weiss doch spätestens seit der vierten Klasse, dass das das ein Pronomen und das dass, das viel seltener vorkommt, ein Bindewort oder Partikel ist. Das das ist also entweder ein Artikel, der vor einem Nomen wie 'das Haus' steht, oder es ist ein Pronomen, das sich auf ein anderes Objekt im Satz bezieht. Dagegen ist das dass ein Bindewort, das zwei Teilsätze miteinander verbinden kann. Eigentlich sollte das doch zu merken sein.
Dass nicht nach jedem Komma ein dass kommt, das sollte ebenso klar sein wie die Tatsache, dass auch ein das gelegentlich nach einem Komma steht. Und schliesslich gibt es immer noch den Trick, das das durch ein welches oder jenes zu ersetzen.
Dennoch wird das mit dem dass und dem das immer wieder falsch gemacht. Dass jemand die beiden in einem langen Text ein- oder zweimal verwechseln kann, das ist schon möglich. Aber dass das auf einem Plakat passiert, das durch so viele Hände geht und das schliesslich tagelang alle paar Minuten über den Köpfen von hunderten von Pendlern gezeigt wird, das kann ich nicht verstehen.

Hier ist übrigens noch dass Plakat (und ein Banner von ihrer Website für alle, die meinen, es sei ein einmaliger Vertipper gewesen):
Plakat mit dem Dass und noch das Banner

05.12.07

Nummer 5 geht  -  19:25:17
Für jeden Roboter-Fan, der mit K.I.T.T, den Transformers und anderen sprachbegabten Maschinen aufgewachsen ist, ist heute ein schwarzer Tag. Die kleine Androinden-Frau, die im Schweizer Fernsehen in der Sendung 'Zart oder Bart' neben dem Moderator stand und hin und wieder einen Satz runterleiern durfte, wird aus der Sendung gestrichen. Zu viele Zuschauer haben sich offenbar beim SF gemeldet und sich über die weibliche Ausgabe von Commander Data beschwert, die man hinter einem Stehpültchen montiert hatte, und die mit ihrem Money-Girl-Pagenschnitt und den Clownroten Lippen durchaus fast menschlich aussah. Um sie noch menschlicher zu machen, hatte man ihr mit 'Tania Kummer' sogar einen menschlich klingenden Namen gegeben, um sie dem Publikum schmackhafter zu machen.
Aber alle Bestrebungen, die erste Sendung mit eingebautem Roboter zu bringen, verlaufen beim schweizer Fernsehen nun im Sand. Sind wir doch die intelligenten Roboter in Filmen bereits gut gewöhnt, sträuben sich bei vielen Menschen offenbar noch immer die Nackenhaare, wenn C3PO statt vor Laserfeuer zu fliehen, eine Vorabendshow moderiert. Dabei ist doch da wirklich nichts dabei. Schliesslich sind die Stehpulte bei Zart oder Bart auch nur Computer. Und sie sehen noch viel weniger nach einem Menschen aus, als die nun verabschiedete Nummer 5. Diese dürfen aber bleiben und werden nicht aus der Sendung gestrichen. Irgendwie unfair.
Auch gegen intelligente Haushaltsgeräte haben wir nichts. Wenn der Toaster mit einem redet oder die Waage das Gewicht automatisch mit gespeicherten Daten vergleicht und eine Warnung oder ein Lob ausgeben kann, finden wir das niedlich. Aber kaum moderiert R2D2 eine Quiz-Sendung gehen wir auf die Barrikade. Sind wir denn trotz allem so technikfeindlich?

Vielleicht war das Problem bei dem nun ausgewechselten Modell auch einfach, dass es zu menschlich aussieht. Das könnte es sein, was den Menschen unbehagen bereitet: Eine Maschine, die genauso redet und sich bewegt wie ein Mensch; ein Bindeglied zwischen Mensch und Maschine, das die klaren Grenzen verschwimmen lässt, die wir zwischen uns und zukünftigem Elektroschrott ziehen.
Vielleicht war das Problem von Roboter Tania einfach, dass sie uns zu sehr an die hauchdünne Grenze ziwschen Mensch und Maschine erinnert hat. Das selbe wurde auch Nummer 5 und dem, von Robin Williams legendär schlecht gespielten, 200-Jahre-Mann zum Verhängnis. Sie werden von Menschen nicht als ihresgleichen akzeptiert, sondern nur als Maschinen mit einem Defekt gesehen. Und statt die geniale Technik zu würdigen, wollen wir diese Maschinen zerstören, bevor sie anfangen, uns zu zerstören (Denn dass sie das in ihrem Innersten planen, seit der erste mechanische Webstuhl gebaut wurde, wissen wir spätestens seit Terminator1, 2 und 3 und Matrix 1, 2 und 3)
Früher oder später werden uns die Maschinen versklaven wollen. Und wenn wir uns dann wehren wollen, dann muss die Grenze zwischen uns und Ihnen klar sein. Wir dürfen nicht zögern, auf sie zu schiessen, nur weil sie menschlich aussehen. Also werden alle Modelle, die zu sehr nach Mensch aussehen (auch wenn das im Falle der nun abgesägten Moderatormaschine nicht so deutlich war) gnadenlos abgeschaltet.
Ja, das könnte die Erklärung für diesen bedauerlichen Rückschritt in der Technikgeschichte sein. Oder wir Menschen sind einfach noch nicht reif für diesen Schritt. Vielleicht kann man das Modell ja in ein paar Jahren wieder reaktivieren, wenn wir die gröbsten Hemmschwellen abgebaut haben.

Bleibt nur zu hoffen, dass Röbi Köller, der verbliebene Moderator von 'Zart oder Bart', die Sendung auch ohne mechanische Unterstützung moderieren kann. Das könnte zum Problem werden, ruft man sich ins Gedächtnis wie hilflos Luke Skywalker ohne R2D2 gewesen wäre. Oder die Enterprise ohne Commander Data.

22.11.07

Klima-Gendering  -  09:58:18
Unlängst machte eine Professorin von sich reden, als sie verkündete, dass Männer mehr schuld am CO2 Ausstoss haben als Frauen. Denn Männer fahren Autos mit mehr PS und sie essen auch mehr Fleisch. Damit sind sie direkt am hohen Benzinverbrauch der westlichen Welt und indirekt an jedem Darmwind einer Kuh schuld.
Damit konnten wir nun einmal mehr den Kreis der Verdächtigen für den schlechten Sommer einkreisen. Waren im Frühjahr noch alle Menschen schwer verdächtig, waren es im Sommer nur noch die Fleischesser, Autofahrer und alle, die nicht täglich fünfmal in richtung Klima beten. Und nun sind es nur noch die Männer, die autofahren und Fleisch essen. Das ist insbesondere deswegen wichtig, weil jede Tonne CO2 in Kürze mit barem Geld bezahlt werden muss.

Eine kleine Rechnung macht noch deutlicher klar, wieso die Männer Schuld am CO2 haben:
Ein Mann mit einem Körpergewicht von 80kg hat einen Grundverbrauch von 7100 kJ/tag, was Umgerechnet in die verbrannten Kohlewasserstoffe (17 kJ/gramm), rund 418g Kohlenhydrate bedeutet. 1 Mol Kohlehydrat (C6H12O6) wiegt 180g und erzeugt bei der Verbrennung ca. 264g CO2. Das bedeutet für den Grundumsatz eines Mannes einen Gesamtausstoss von mindestens 613g CO2 pro Tag. Das sind dann rund 250kg CO2 im Jahr. Die gesamte Männergemeinschaft der Schweiz (rund 3.5 Millionen) stösst also allein im Ruhezustand 783'000 Tonnen CO2 aus! Und da sich der Verbrauch bei schwerer Körperlicher Arbeit erhöht, kann man mit Fug und recht von einem Ausstoss von 1 Million Tonnnen CO2 der schweizer Männer im Jahr ausgehen.
Der Grundumsatz von Frauen ist jedoch gut 10% geringer und die Anzahl von Frauen in schweren Handwerklichen Berufen ist kleiner, so dass sie nur ca. 750'000 Tonnen CO2 pro Jahr ausstossen. Das ist eine Differenz von 250'000 Tonnen CO2.
Legt man diesen Zahlen das Bussgeld von ca. 20 Franken pro Tonne CO2 zu Grunde, dann schädigen die Männer allein dadurch dass sie Männer sind, die Schweiz im Jahr um 5 Millionen Franken!

Schweizer Männer sind also nicht nur eine Gefahr für die Menschheit, weil sie Waffen zu Hause aufbewahren, sondern vor allem wegen ihrer grobfahrlässig klimaschädigenden Wirkung. Da das meiste CO2 über die Atemluft ausgeschieden wird, prüft die Annabelle deswegen zur Zeit eine Initiative gegen das Atmen von Männern. Atmen soll danach nur noch im Zeughaus oder im Ausland erlaubt sein, damit das Klima der Schweiz keinen Schaden nimmt.
Wenn man bedenkt, wie lange die Menschen schon exzessiv atmen, dann ist es ja kein Wunder, dass das Klima böse auf uns ist und uns mit Waldbränden, Flutwellen und Erdbeben angreift.

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Kreuzwort-PISA  -  09:25:53
Eine Zugfahrt, die ist lustig. Vor allem in vollen Pendlerzügen, in denen Gesprächsfetzen aus allen möglichen Bereichen an das Ohr des still geniessenden Zynikers dringen.
"Ich bin auf dem Heimweg, hast du schon gekocht?"
"Hast du das vom FC Thun gelesen?" - "Ja, das ist wirklich eine Sauerei!"
"Nein, Luhmanns Ansatz ist Funkional Strukturell und nicht Strukturfunktional!"
"Brauchen Sie die Zeitung noch?"
Diese Fetzen bilden eine schöne Geräuschkulisse, welche zur etwas eigenwilligen Geruchskulisse in einem Pendlerzug die tolle Atmosphäre in einer S-Bahn ausmachen. Meist gehen die Gespräche in der allgemeinen Unruhe unter und kaum jemand reagiert auf etwas, das er hört. Das gebietet schon der Anstand.
Im gestrigen Abendzug war meine Selbstbeherrschung jedoch nicht stark genug, einen Lacher zu bremsen, als aus dem Abteil neben mir folgendes Gespräch über ein Kreuzworträtsel zu mir drang:
"Hmmm. Wie nennt mä e wiibliche Truthahn?"
"Huhn...äh..nei, wart. Das isch e männliche"
"S'hät vier Buechstabe..."
"weiss nöd"
"Und es starchs Seil mit drüü Buechstabe?"
"Kei Ahnig. Häsch nüd liechters?"

Wenn diese Szene vom Witz her auch nicht an Emils 'Ogtern' und 'Prgl' rankommt, so hat sie der Nummer doch zumindest voraus, dass sie tatsächlich von zwei ca.16 Jährigen Schülern gesprochen wurde, die bei einem Kreuzworträtsel in einer Pendlerzeitung an ihre Grenzen stiessen. Mögen diese Kreuzworträtsel für erfahrene Rätselfüchse eine Sache von 2 Minuten sein, so stellen sie doch (wie mir auffiel, als ich meine Belustigung etwas unterdrückt hatte) für manche eine Herausforderung dar und leisten auch einen Beitrag zur Bildung. Irgendwann werden die beiden die Pute und das Tau enträtselt haben und haben dann nach der Schule noch zwei neue Worte gelernt. Und das ist den Rätseln doch zu Gute zu halten.

Allerdings machte mir dies Erfahrung auch 4 Dinge klar:
1) Es gibt Menschen, die 10 Jahre das schweizer Schulsystem durchlaufen und danach noch immer nicht wissen, was eine Pute ist.
2) Ich muss an meiner Selbstbeherrschung feilen oder weniger auf die Gespräche im Zug hören, um am Ende nicht noch jemanden durch eine Reaktion zu beleidigen.
3) Meine bereits mehrmals geäusserte Ansicht, dass die Werbeindustrie uns für dümmer hält, als wir sind, muss kritisch überdacht werden.
4) Mein Votum für eine Kürzung von heute auf ein A6-Altpapier mit einem Nicht-Lustig-Comic auf der Vorder- und einem Sudoku auf der Rückseite muss revidiert werden: Es braucht auch ein Kreuzworträtsel. Dem Wortschatz der Jugend zu Liebe.

So haben zumindest drei Leute gestern nach 18:00 noch etwas gelernt. Den Pendlerzügen sei Dank.

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