Wer selber bläst, ist länger laut
Etwas erstaunt erfuhr ich in der Tagesschau, der ich nebenbei mit einem Ohr lauschte, dass Uwe Seeler offenbar die WM in Südafrika stört. Jogi Löw musste sich sogar wegen besagtem Uwe Seeler eine neue Zeichensprache ausdenken, um mit seinen Spielern zu kommunizieren. Es wäre ja nicht der erste Sportler, der im Alter meint, er habe das Spiel erfunden, das er vor 60 Jahren mal eine Weile gespielt hatte, und den Jungen dumme Ratschläge erteilt. Also tat ich die Meldungen als belanglosen WM-Klatsch ab, bis die ersten Leute sich offenbar schon mit Orapax gegen Uwe Seeler schützen mussten.
Glücklicherweise nahm sich zu diesem Zeitpunkt ein Sprecher die Zeit, den Namen 'Vuvuzuela' langsam auszusprechen und ein Bild des anstössigen Objekts zu zeigen. Offenbar handelt es sich bei diesem Gerät um eine neue, äusserst innovative Erfindung aus Afrika, die in meiner Kindheit (und in der Kindheit meiner Eltern, Grosseltern und deren Vorfahren) als Tröte bekannt war. Der Fortschritt kennt offenbar überhaupt keine Grenzen. - nicht mal in die Vergangenheit. Das Innovative an der Vuvuzela-Tröte scheint nun aber zu sein, dass man sie nicht wie die Fussball-Tröten hierzulande mit Druckluft-Flaschen und kleinen Blasebälgen zum Tröten bringt, sondern mit dem Mund reinbläst. Mag dies auch auf den ersten Blick nicht wie eine grossartige Neuerung erscheinen, so hat sie doch gewaltige Vorteile gegenüber den hier üblichen Tröten: Man kann deutlich lauter tröten als mit einem Handblasebalg und der Druckluftcontainer, der sich im Brustkorb der nimmermüden Tröter befindet, kann beliebig oft während des Spiels nachgefüllt werden. Das Resultat der gleichmässigen Verteilung dieser pausenlos trötbaren Uwe Seeler-Tröten unter die zigtausend Zuschauer eines nervenaufreibenden Fussball-Geplänkels kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen: Es lautet TRÖÖÖ[man denke sich 90Minuten lang ein 'Ö']ÖÖÖT.
So unangenehm und ungewohnt dieser südafrikanische Tinnitus auch sein mag, er hat doch seine Vorteile. Der erste Vorteil ist insbesondere im Vergleich mit den hier üblichen Fussball-Geräuschen zu finden: Er erstickt jeden Versuch, in ein infantiles, dümmliches Fussballlied auszubrechen, im Keim. Kein 'Geh doch nach Hause du alte Scheisse!', kein 'Zieht den Bayern die Lederhosen aus!' und kein 'Wär ned gumped isch kai Baasler!'. Es ist eine neutrale, angenehm dröhnende Geräuschkulisse, die selbst der betrunkenste Fan noch mitgestalten kann und selbst den nüchternsten Fan nicht dazu bringt, vor lauter Fremdscham in die nächste Tischkante zu beissen.
Der zweite positive Punkt an dem Vuvuzuela-Trubel ist die Erkenntnis, dass es auf dieser Welt doch noch kulturelle Unterschiede gibt und sich nicht alle dem westlichen Ideal anpassen wollen. Die chinesischen Olympia-Funktionäre haben ihren handverlesenen Publikums-Komparsen noch Nachhilfeunterricht im westlichen Applaudieren verordnet, weil sie in ihren Stadien eine korrekte Olympia-Geräuschkulisse wollten, die gefällt. Diese falsche Scham vor der eigenen Publikums-Kultur fehlt den afrikanischen Fussballfans glücklicherweise, wodurch sie uns geräuschstark zeigen, wie man in Afrika anfeuern und sich freuen kann. Auch wenn die Mannschaften aller Länder das gleiche, simple Pausenhofspielchen vor einem Millionenpublikum spielen und dabei die gleichen Kleider tragen, die gleichen Spielzüge und die gleiche Taktik verwenden, beruhigt es doch, dass wenigstens das Publikum nicht überall gleich ist. Jedes Tröten eines Uwe Seeler ist damit ein Befreiungsschlag für die Individualität und eine willkommene Weigerung in das sonstwo übliche Deppengegröle auszubrechen.
So lässt sich dem Tuten und Blasen in den Stadien doch noch etwas Gutes abgewinnen, und die Spieler können das Kinderspiel, das sie schon seit jener Zeit üben, als sie noch nicht lächerlich aussahen, wenn sie in kurzen Hosen einem Schweinslederball nachhüpften, taubstumm spielen. Zur Abwechslung mal, ohne die nervigen Zwischenrufe ihres angesäuerten Trainers zu hören.
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